Bayer

Folgender Text von Martin Bayer in: ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 430 / 23.09.1999

"Hey, was ist denn da los?"
Die 3 Tornados: Linke Geschichte als Brachial-Kabarett

Es gibt kulturelle Erzeugnisse der Linken, die mehr sind als nur Kunst. Und es gibt Menschen, einst Kulturschaffende genannt, die (linke) Politik und Kultur nicht nur kommentiert und umrahmt, sondern beeinflußt und mitgestaltet haben. Zu diesen gehören sicherlich Die 3 Tornados. Von ihnen liegt nun das vor, was auch schon früher die linke Szene gerne anschaffte: Gesammelte Werke. Nur sind es hier keine zwei Meter blaue oder andersfarbige Bände, die dekorativ die Buchwand zieren, sondern eher bescheiden vier CDs, die alle sechs erschienenen Tornado-LPs und diverse Bonus-Tracks enthalten. Im CD-Schuber befindet sich zudem ein Heft mit wesentlichen Informationen und Fotos, und fertig ist AUF TOUR 1977-1988.

Die 3 Tornados, das war im linken Kabarett, was Ton Steine Scherben für die Musik war: eine Institution und trotzdem keine ehrfurchtgebietende Sache, vielmehr etwas sehr Lebendiges. Wer seine ersten Auftritte bei Veranstaltungen gegen Berufsverbote hatte, das legendäre Russell-Tribunal kabarettistisch unterstützte, am Tunix-Kongreß teilnahm, die damals noch eindeutig linke tazaufbauen half, in besetzten und nichtbesetzten (linken) Kulturzentren spielte, - der stand mitten drin im undogmatisch linken Leben.

Da verwundert es auch nicht, daß die Tornados nicht offiziell in der real-existierenden DDR spielen durften, sondern nur privat im Prenzlauer Berg gastierten. Es blieb der einzige Ost-Auftritt, wenngleich der Unrealsozialismus der DDR öfter Thema der kabarettistischen Tornados aus Berlin war.

Als Die 3 Tornados schon gar nicht mehr zu existieren schienen, traten sie dann doch noch einmal in Erscheinung: Wenige Tage nach dem Fall der Mauer 1989, als sie mit anderen Künstlern das kommentierten, was da zusammenwachsen wollte. Mag sein, daß sie klüger waren als andere Linke, die der Mauerfall kalt erwischte.

Nicht heller auf der Platte waren sie aber in einer anderen politischen Frage: Auf der LP "Rundschlag am Mittag" bezeichneten sie 1978 den israelischen Ministerpräsidenten Begin, der zur Zeit der Staatsgründung Israels der Terrorgruppe Irgun angehörte, nicht nur als rechtsradikalen Terroristen. Sie erhofften sich unter dem Gejohle der ZuhörerInnen Begins Tod: "Es machte peng, es machte bumm, da fiel der gute Begin um." An diesem Punkt bewegten sich die 3 Tornados ganz im linken mainstream der 70er Jahre, der uns heute in seiner teilweisen Unbedarftheit manchmal erschaudern läßt.

Ansonsten zogen die Tornados stets gnadenlos gegen Reaktionäre, homophobe Spießer, Rassisten, Militaristen, gegen Atomkraft, gegen alles mögliche und immer wieder gegen Polizisten und Staatsschützer ins Feld.

Auch die Linke selbst bekam ihr Fett weg. Erinnert sei nur an "Sozialismus Modell A" und "Sozialismus Modell B". In ersterem regiert eine Revolution in Deutschland vorausgesetzt eine spießige Kaderclique, die schließlich feststellt: "Sozialismus? Haben wir nicht. Ist im Plan nicht vorgesehen." Modell B zeigt dagegen die Anarcho-Version mit lahmen Freaks und Hirseschnitzel statt Steaks, mit der Landkommune Jimmy Hendrix und der Frage der Kartoffelernte. Denn es sei "irgendwie unheimlich wichtig, das Ding mit den Kartoffeln, entspricht momentan aber überhaupt nicht meinen konkreten Bedürfnissen." Und der Genosse erwidert, er könne auch nicht zum Einsatz: "Ich bin da im Moment nicht drauf."

Auch diverse kirchliche Eigenheiten wie der Glaube an die jungfräuliche Empfängnis regten die drei Kabarettisten aus Berlin immer wieder zu Sketchen an. Durch das Tornado-"Krippenspiel" wurde gar die Gründung einer aufgebrachten katholischen Bürgerinitiative angeregt. Und der Staatsanwalt mußte sich gleich mehrfach in Bewegung setzen, bis nach vier Instanzen der Freispruch für die Krippenspieler erfolgte.

Die 3 Tornados, das war keine Wortakrobatik, kein hochintellektueller Kunstgenuß, keine freudlose Agitation und kein hochkulturelles Pflichtprogramm für bezahlte Rezensenten des Feuilletons. Statt dessen war das Ganze bunt, schrill, ganz perfekt unperfekt und manchmal genial daneben; Brachialkabarett für drei Personen und ein Akkordeon.

Meist überwogen die Textbeiträge; lediglich auf der LP Tornados a gogo (1979) brachten sie ausschließlich Lieder, teils solche aus früheren Programmen, teils neue. Und das war dann auch die einzige weniger gute Platte der drei Berliner.

Waren Die 3 Tornados das andere Volkstheater? Die deutschsprachige Commedia del larte des 20. Jahrhunderts? Die vorweggenommene Verhöhnung all der sich heute so krebsartig vermehrenden, grottenschlechten Comedy-Idioten? Keine Ahnung. Wahrscheinlich von allem etwas und noch viel mehr.

Im damals noch öffentlich-rechtlichen Fernsehen landeten die Tornados nur selten: 1979 im Rahmen eines Kinderprogramms (!) der Funkausstellung und 1980 mit dem "Krippenspiel", was die genannten Folgen hatte. Der SDR setzte 1979 die drei Berliner mit ihrem Beitrag zu "30 Jahre Grundgesetz" ab. Auch der SWF und der WDR zogen 1980 eine Live-Sendung bzw. eine Talk-Show zurück. 1983 strich der SFB wieder einige Beiträge, und 1986 brach Radio Bremen eine Sendung einfach ab.

Die Tornados reagierten und setzten gegen den Willen des Senders gerichtlich die Ausstrahlung zweier Werbespots (!) im SFB durch: 1986 zum Thema Polizei und 1988 zum Barschel-Ehrenwort.

Gutes Kabarett kann, wie wir hier sehen, doch etwas bewegen: Zumindest Staatsanwälte, Richter, Fernsehverantwortliche und katholische Initiativengründer. Im Falle der 3 Tornados dürfte die Bedeutung aber weit über diese medienwirksamen Highlights hinausgegangen sein. Als Kampagnenkabarett und innerlinke Kritikinstanz haben die Tornados mit für eine Kultur gesorgt, die linke Hegemonie in Teilbereichen der Gesellschaft möglich machte. Wie wichtig die Tornados und die Scherben, all die Mosmanns, Tommis usw. waren, das merkten wir, als es sie nicht mehr gab. Und schließlich fehlt uns seither auch weitgehend die Möglichkeit zu dieser Form der "gnadenlosen Unterhaltung" (so ein entsprechender CD-Titel). Dem Trikont-Verlag sei Dank, daß zumindest die Konserven der drei Kabarettberliner jetzt komplett vorliegen. Jüngere unter uns werden aber an einigen Stellen im linken Geschichtsbuch (gibts das?) nachblättern müssen, um den damals für alle geläufigen Hintergrund der Szenen und Lieder zu verstehen.

Ach ja, Die 3 Tornados, das waren anfänglich nur zwei: Arnulf Rating und Günter Thews; doch schon im Gründungsjahr kam Hans-Jochen Krank dazu, der 1981 von Holger Klotzbach abgelöst wurde. Krank ist heute Gymnasiallehrer, Klotzbach gründete die Berliner "Bar jeder Vernunft", Rating macht weiter Kabarett und Günter Thews starb am 30.1.1993 an Aids. Vier Schicksale aus der Linken, die in dem Berliner "Spaßguerilla-Theater" (so der Trikont-Verlag) ihren gemeinsamen Bezugspunkt hatten; ein Theater, das uns ermöglicht, die Geschichte der Linken vielleicht etwas besser, in jedem Fall aber unterhaltsamer zu begreifen.

Martin Bayer

Ein kurzer Lehrgang zur Geschichte der Linken in musikalisch-kabarettistischer Form:
Ton Steine Scherben: Warum geht es mir so dreckig?/Keine Macht für niemand (2 LP/CD)/Wenn die Nacht am tiefsten (2 LP/CD); David Volksmund Produktion
Die 3 Tornados: AUF TOUR 1977 1988 (4 CD und Booklet); Trikont 1999